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Wenn von Depression die Rede ist, denkt man zuerst an einen besonders niedergeschlagenen, antriebslosen Menschen. Ganz anders ist es bei der agitierten Depression, bei der Agitation beziehungsweise Agitiertheit als Symptom im Vordergrund steht. Übersetzt bedeutet dies eine große innere Unruhe und übertriebener Bewegungsdrang. Begleitet wird dies allerdings oft von Schlafstörungen und Angstzuständen.

Eine derartige Agitiertheit weisen „normalerweise“ Menschen auf, die unter einer bipolaren Störung leiden. Doch diese Form der inneren Unruhe kommt eben auch bei depressiven Menschen vor, die nicht bipolar sind. In der „Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten“ (ICD) wird die agitierte Depression allerdings nicht separat aufgeführt. Ärzte behelfen sich zuweilen mit dem ICD-10-Code der „depressiven Episode“. Im Englischen spricht man hier auch von der „melancholia agitata“ beziehungsweise von einer „gemischten Depression“.

Symptome

Eine agitierte Depression ist meistens von Schlaflosigkeit begleitet, viele Patienten sprechen von einem Gefühl der inneren Leere im Verein mit einer extremen inneren Unruhe, die geradezu einen unersättlichen Tatendrang heraufbeschwört. Es gibt Experten, die das Phänomen so interpretieren, dass die Betroffenen mit diesem Aktionismus unbewusst ihre eigentliche Niedergeschlagenheit aus dem Wege räumen wollen.

Die Betroffenen sind zudem sehr leicht reizbar, reagieren mit Ärger und Wut auf Kleinigkeiten. Ihre rasenden Gedanken erzeugen einen enormen Rededrang, sodass sie in der Wahrnehmung der anderen „wie ein Wasserfall reden“. Der extreme Bewegungsdrang provoziert ein ständiges Auf- und Abgehen, während sich ihre permanente Nervosität in Nägelkauen und Haare raufen äußert.

Es kommt zudem zu impulsiven Ausbrüchen wie Jammern oder Schreien, wobei ein zwanghaftes Zupfen an der Haut zu beobachten ist.

Paradoxe Gefühlszustände wie getriebene Rastlosigkeit bei gleichzeitiger depressiver Niedergeschlagenheit sind bei diesem Krankheitsbild keine Seltenheit. Die Neigung zur Selbstverletzung ist durchaus an der Tagesordnung und gipfelt in einigen Fällen im Suizid. Totale Erschöpfungszustände sind durch den unausgegorenen Tatendrang nur eine Folgerichtigkeit.

Gefahr im Verzug

Wenn Sie den Eindruck haben, dass ein Betroffener im Begriff ist, entweder sich selbst oder einen anderen zu verletzen, sollten Ihnen die folgenden vier Punkte ins Gedächtnis kommen:

  1. Sofort eine dieser Notrufnummern wählen: 110, 112 oder 116 117.
  2. Solange die Person begleiten, bis Hilfe eintrifft.
  3. Waffen oder gefährliche Gegenstände von der Person fernzuhalten.
  4. Dem Betroffenen geduldig zuhören, ohne ihn zu kritisieren (provozieren). Bedenken Sie, dass vernünftige Argumente im Rahmen einer Diskussion jetzt nicht bis zu dieser Person vordringen.

Ursachen einer agitierten Depression

In manchen Fällen sind es ausgerechnet Psychopharmaka beziehungsweise antriebssteigernde Antidepressiva wie Escitalopram (Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer), die eine Agitiertheit zumindest vorübergehend auslösen können. Häufiger verbergen sich aber diese Ursachen dahinter:

  • Schilddrüsenfunktionsstörung
  • Hormonstörung
  • Traumata
  • Chronische Stressbelastung
  • Angststörung
  • Bipolare Störung

Für die Diagnose und Behandlung zuständig ist bei allen Formen der Depression der Psychiater beziehungsweise Facharzt für Psychiatrie. Neben einem intensiven Gespräch im Zuge der Anamnese wird unter anderem auch ein Bluttest durchgeführt, um gegebenenfalls eine Störung im Hormonhaushalt zu erkennen. Als Differenzialdiagnose geht es dann noch um die Abgrenzung zu den extremen Stimmungsschwankungen der Bipolaren Störung.

Gemäß „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM-V) müssen für die Diagnose Agitierte Depression diese Kriterien erfüllt sein:

  • Es lag bislang mindestens eine depressive Episode vor.
  • Es liegen wenigstens zwei der folgenden drei Punkte vor:
    Innere Unruhe und Anspannung (psychische Agitation)
    Rasende Gedanken
    Bewegungsdrang, Haare raufen, Nägelkauen (psychomotorische Agitation)

Therapiemöglichkeiten

Depressionen werden in der Regel mit einer Kombination von Medikamenten und Psychotherapie behandelt. In seltenen Fällen wird auch die Elektroschocktherapie angewandt.
Bei den Medikamenten kommen relativ häufig diese Mittel zum Einsatz:

  • Antidepressiva wie Mirtazapin
  • Neuroleptika zur Angstlösung wie Benzodiazepine* (Quetiapin, Seroquel)
  • Phasenprophylaktika zur Stabilisierung der Stimmung (Lithium)

Es ist leider normal, dass es einige längere Versuche braucht, bis das individuell am besten geeignete Medikament gefunden ist. So kann es passieren, dass ein bestimmtes Medikament paradox, also die Agitation verstärkend wirkt. Atosil (Promethazin) ist ein eher leichtes Neuroleptikum in Tropfenform, das sich sehr genau dosieren lässt.

* Benzodiazepine wie Tavor, Xanax oder Valium machen relativ schnell süchtig, wobei sich der Entzug langwierig und schwierig gestaltet.

Psychotherapie

Diese Behandlungsform dient der Suche nach der Ursache der Erkrankung, aber auch der Entwicklung von Strategien, die dabei helfen, mit der Krankheit besser umgehen zu können. In Deutschland werden im Wesentlichen vier Verfahren von den Krankenkassen anerkannt und auch bezahlt:

  • Analytische Therapie
  • Verhaltenstherapie
  • Tiefenpsychologische Therapie
  • Systemische Therapie

Diese Therapien sind vom Ansatz her in der Tat sehr unterschiedlich auch mit Blick auf ihre Dauer, den Umfang und die Intensität. Ihr Erfolg hängt aber ganz wesentlich davon ab, ob Patient und Therapeut einigermaßen miteinander harmonieren. Wer darüber hinaus noch selbst etwas für sich tun möchte, dem sei noch diese Literatur empfohlen:

Ausblick und Prognose

Agitiertheit ist oftmals mit Selbstverletzung und sogar Selbstmord verbunden. Daher ist eine rasche professionelle Behandlung unabwendbar. Die verschriebenen Antidepressiva müssen dann unbedingt regelmäßig nach Plan eingenommen werden. Nach Eintritt einer Besserung dürfen die Medikamente nicht abrupt abgesetzt werden, sondern sie werden unter Anleitung des Arztes langsam ausgeschlichen.
Wer zuweilen von Selbstmordgedanken getragen ist, sollte unbedingt die Nummer der Telefonseelsorge, die zu jedem Tag- und Nachtzeitpunkt erreichbar ist, anwählen:

0800 – 111 0 111
0800 – 111 0 222

Siehe auch: https://www.suizidprophylaxe.de/hilfsangebote/hilfsangebote/

 

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